Ukulele-Bibliothek · Geschichte und Kultur
Portugal und Madeira: Braguinha, Rajão und die Wurzeln der Ukulele
Von Johannes Immanuel Schneider · 6 Minuten Lesezeit
Wer die Ukulele liebt, kann auf Madeira musikalische Verwandte entdecken. Kleine Korpusse, kurze Hälse und gezupfte Saiten wirken zunächst vertraut. Beim Zuhören werden Unterschiede hörbar: andere Stimmungen, andere Klangfarben und andere Begleitfiguren. Genau darin liegt der Reiz. Die portugiesischen Vorläufer helfen, die Ukulele besser zu verstehen, und verdienen zugleich Aufmerksamkeit als eigenständige Instrumente.
Für mich führt diese Spur auch in die portugiesische Sprache und zur Musik Brasiliens. Begriffe wie Cavaquinho, Braguinha und Rajão begegnen einander in der Geschichte kleiner Saiteninstrumente. Man sollte sie sorgfältig unterscheiden. Verwandtschaft bedeutet, dass es Verbindungen gibt. Sie bedeutet nicht, dass jede regionale Bauform dasselbe Instrument ist.
In diesem Artikel
- Eine Insel mit lebendiger Saitentradition
- Braguinha und Machete
- Der Rajão und die Idee der rückläufigen Stimmung
- Was Menschen bei der Auswanderung mitnahmen
- Eine Hörübung über Verwandtschaft
- Wohin diese Spur weiterführt
Eine Insel mit lebendiger Saitentradition
Madeira liegt im Atlantik und gehört zu Portugal. In ihrer musikalischen Tradition spielen gezupfte Saiteninstrumente eine wichtige Rolle. Die regionale Bildungsverwaltung nennt Braguinha, Rajão und Viola de Arame gemeinsam als Cordofones Madeirenses. Cordofone sind Instrumente, deren Ton durch schwingende Saiten entsteht. Sie können Melodien übernehmen oder Gesang und andere Instrumente begleiten. Bildungsmaterial aus Madeira
Diese Einordnung ist hilfreich, weil sie den Blick auf das Zusammenspiel öffnet. Ein Instrument ist nicht nur ein Gegenstand mit einer festgelegten Anzahl Saiten. Es hat Aufgaben in einer musikalischen Umgebung. Ein Spieler übernimmt eine Melodie, ein anderer hält die Harmonie, ein weiterer bringt rhythmische Bewegung hinein. Bauform und Spielweise entwickeln sich im Austausch mit solchen Aufgaben.
Für eine Hörreise lohnt es sich deshalb, nach Aufnahmen mit mehreren madeirischen Instrumenten zu suchen. Höre zunächst auf die hellste Stimme. Folge dann der Begleitung. Welche Töne wiederholen sich? Wo antworten Instrumente aufeinander? Auf diese Weise entdeckst du musikalische Funktionen, bevor du jedes Detail benennen kannst.
Braguinha und Machete
Das Braguinha ist ein kleines viersaitiges Instrument, das in Darstellungen zur Ukulelengeschichte auch unter dem Namen Machete begegnet. Die Bezeichnungen sind historisch und regional geprägt. Sie lassen sich nicht immer wie moderne Produktkategorien voneinander trennen. Für das Verständnis zählt zunächst seine Stellung in der madeirischen Saitentradition und seine Verbindung zur späteren Entwicklung in Hawaiʻi.
Die kleine gitarrenartige Bauform erleichtert es, das Instrument mitzunehmen. Ein kurzer Hals und ein kleiner Korpus ergeben ein unmittelbares Spielgefühl. Metallbesaitete Ausführungen haben eine andere Ansprache als die heute häufig mit Kunststoffsaiten ausgestattete Ukulele. Schon der Beginn eines Tons kann dadurch anders wirken: deutlicher metallisch, mit einer eigenen Helligkeit und anderen Nebengeräuschen.
Die Forschung beschäftigt sich auch mit historischen Noten und der Verbreitung des Machete außerhalb Madeiras. Einen Zugang bietet die Studie „The Machete of Madeira: A British Perspective“ in der portugiesischen Fachzeitschrift für künstlerische Bildung. Sie untersucht Quellen und Wahrnehmungen des Instruments. Studie zum Machete
Der Rajão und die Idee der rückläufigen Stimmung
Der Rajão ist für die Ukulelengeschichte besonders interessant, weil er fünf Saiten besitzt und in einer häufig beschriebenen Stimmung D–G–C–E–A verwendet. Dabei sind insbesondere die D- und G-Saite in hoher Oktavlage angeordnet. Eine solche Anordnung nennt man rückläufig oder reentrant: Die Tonhöhen folgen beim Durchspielen der Saiten nicht einfach einer aufsteigenden Reihe.
Die letzten vier Tonklassen dieser Rajão-Stimmung entsprechen G–C–E–A. Das ist die vertraute Tonfolge vieler Ukulelen. In historischen Erklärungen wird deshalb neben der Korpusverwandtschaft zum Machete der Rajão als wichtige Spur für die Stimmung betrachtet. Wer die Verwandtschaft verstehen möchte, sollte also zwei Fragen auseinanderhalten: Woher kommt eine Bauform, und woher kommt eine Anordnung von Tönen? Eine musikwissenschaftliche Untersuchung in der Revista Portuguesa de Educação Artística erläutert diese Stimmungsbeziehung.
Musikalisch hat eine rückläufige Stimmung eine reizvolle Folge. Töne verschiedener Saiten liegen in ähnlichen Registern. Eine Melodie kann dadurch über mehrere Saiten verteilt werden. Bereits gespielte Töne können weiterklingen, während die nächste Saite dazukommt. Diese Möglichkeit begegnet später auch im Campanella-Spiel auf der Ukulele.
Was Menschen bei der Auswanderung mitnahmen
1879 kamen madeirische Einwanderer mit der Ravenscrag nach Hawaiʻi. Zu ihnen gehörten Menschen mit Kenntnissen im Bau kleiner Saiteninstrumente. Manuel Nunes, Augusto Dias und José do Espírito Santo werden in der Museumsliteratur als zentrale frühe Instrumentenbauer genannt. Ihre Arbeit verband mitgebrachte Fertigkeiten mit einem neuen musikalischen Umfeld. Metropolitan Museum: frühe Ukulele
Ein solcher Prozess besteht aus vielen praktischen Schritten. Holz muss ausgewählt und bearbeitet werden. Ein Hals wird geformt, Bünde werden gesetzt, Saiten befestigt. Musiker beurteilen, wie sich ein Instrument spielen lässt. Sie wünschen andere Eigenschaften oder verwenden es für andere Lieder. So können aus vertrauten Grundlagen neue Formen entstehen.
Die Ukulele wurde in Hawaiʻi weiterentwickelt und kulturell verankert. Der portugiesische Anteil ihrer Geschichte ist konkret und bedeutend. Ebenso konkret ist die Arbeit hawaiischer Musiker, die dem Instrument eigene Aufgaben und Ausdrucksformen gaben. Beide Seiten gehören zusammen, wenn man seine Entstehung nachvollziehen möchte.
Eine Hörübung über Verwandtschaft
Vergleiche drei kurze Aufnahmen: Braguinha, Rajão und Ukulele. Achte zunächst nur auf den Tonbeginn. Klingt er weich oder deutlich metallisch? Höre danach auf das Ausklingen. Bleiben die Töne lange stehen oder entsteht eher ein kurzes rhythmisches Geflecht? Erst im dritten Durchgang beschäftigst du dich mit der Melodie und der Begleitrolle.
Es hilft, deine Eindrücke in einfachen Wörtern festzuhalten. Hell, weich, trocken, fließend, dicht oder luftig beschreiben zunächst deine Wahrnehmung. Danach kannst du nach Bauform, Saiten und Stimmung fragen. So verbinden sich Hören und Wissen, ohne dass technische Begriffe den ersten Eindruck ersetzen.
Wenn du selbst GCEA spielst, zupfe deine vier leeren Saiten langsam nacheinander. Höre besonders auf den Sprung von G zur tieferen C-Saite bei High G. Du erfährst unmittelbar, weshalb eine rückläufige Stimmung eine eigene Klangordnung schafft. Dieses kleine Experiment macht einen wichtigen Teil der historischen Verwandtschaft musikalisch greifbar.
Wohin diese Spur weiterführt
Von Portugal führt eine weitere Geschichte nach Brasilien zum Cavaquinho. Dort entwickelten sich andere Besaitungen, Stimmungen und rhythmische Aufgaben. Für mich ist das eine spannende Verbindung zwischen meiner Herkunft und meinem Herzensinstrument. Im Vergleich von Ukulele und Cavaquinho gehen wir ihr genauer nach.
Die madeirischen Instrumente verdienen dabei einen eigenen Platz im Ohr. Wer sie hört, begegnet einer lebendigen Musiktradition. Die Ukulele wird dadurch vertrauter und zugleich interessanter: Man erkennt Spuren ihrer Verwandtschaft und hört deutlicher, welche eigene Sprache sie in Hawaiʻi entwickelt hat.
Dein nächster Weg durch die Bibliothek
- Die Geschichte der Ukulele: Von Madeira nach Hawaiʻi und hinaus in die Welt
- Wie die Ukulele hawaiisch wurde: Musik, Menschen und kulturelle Eigenständigkeit
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