Kirchliche Ausbildung kritisch weiterdenken
Ich halte die Pflicht zu drei alten Sprachen im klassischen Pfarramtsstudium für ernsthaft diskussionsbedürftig. Die Frage ist für mich nicht, ob Hebräisch, Griechisch und Latein wertlos wären. Die Frage lautet, welche Kompetenz jede künftige Pfarrperson für ihren Beruf tatsächlich benötigt und wie begrenzte Ausbildungszeit sinnvoll eingesetzt wird.
Wir brauchen Menschen, die biblische Texte verantwortungsvoll auslegen, verständlich von Jesus sprechen und Gemeinden in einer veränderten Gesellschaft entwickeln können. Daran sollte sich das Studium erkennbar messen lassen.
Die aktuelle Reform lässt die Sprachfrage bestehen
Die EKD berichtet im Oktober 2026 über eine Reform des Pfarramtsstudiums durch den Evangelisch-theologischen Fakultätentag. Auch in der dort beschriebenen neuen Struktur bleiben Hebräisch, Griechisch und Latein vorgesehen: zwei Sprachen im Bachelor und eine weitere im Master.
Damit ist die Frage keineswegs erledigt. Eine veränderte Studienstruktur kann sinnvoll sein und trotzdem Anforderungen beibehalten, deren Gewicht wir neu diskutieren sollten.
Ich formuliere hier eine persönliche Anfrage an die Ausbildung. Konkrete Studien- und Zulassungswege unterscheiden sich; wer einen bestimmten Weg plant, muss dessen jeweils geltende Ordnung prüfen.
Drei alte Sprachen sind nicht drei biblische Ursprungssprachen
Ein wichtiger Unterschied gehört an den Anfang. Hebräisch und Griechisch erschließen zentrale Ursprungstexte der Bibel; Teile des Alten Testaments sind aramäisch. Latein hat eine große Bedeutung für Kirchen- und Theologiegeschichte, ist aber nicht einfach eine dritte Ursprungssprache der biblischen Schriften.
Daraus folgt für mich, dass die drei Anforderungen nicht mit einer einzigen Begründung behandelt werden sollten. Wer Latein für den Pfarrberuf verbindlich verlangt, sollte dessen konkreten Beitrag ebenso begründen wie den Umfang von Hebräisch und Griechisch.
Die Frage nach dem Ausbildungsziel wird genauer, wenn unterschiedliche Aufgaben nicht unter einem allgemeinen Hinweis auf Tradition verschwinden.
Gute Übersetzungen sind ein ernst zu nehmender Zugang
Menschen lesen die Bibel in vielen sorgfältig erarbeiteten Übersetzungen. Diese Texte sind keine wertlosen Ersatzprodukte. Sie eröffnen verlässliche Zugänge für Predigt, Unterricht und persönliche Beschäftigung.
Gleichzeitig übersetzt ein Text nicht völlig ohne Entscheidungen. Begriffe können mehrere Bedeutungen tragen, Sätze unterschiedlich gewichtet werden. Gerade deshalb sollte das Studium systematisch lehren, verschiedene Übersetzungen miteinander zu vergleichen und offene Fragen zu erkennen.
Ich halte diese Fähigkeit für eine zentrale Berufskompetenz. Eine Person sollte erklären können, weshalb Übersetzungen voneinander abweichen und welche Bedeutung das für eine Auslegung hat. Das ist mehr als das schnelle Auswählen der Variante, die zur eigenen Aussage passt.
Ursprungssprachen können helfen, lösen aber nicht jede Auslegungsfrage
Wer einen Text in seiner Ursprungssprache lesen kann, gewinnt einen wichtigen Zugang. Fachliche Unabhängigkeit und vertiefte Forschung profitieren davon. Diese Kompetenz möchte ich ausdrücklich nicht gering schätzen.
Aber auch Sprachkenntnisse machen eine Auslegung nicht automatisch verantwortungsvoll. Man muss historische Zusammenhänge, literarische Gestaltung und eigene Voraussetzungen bedenken. Ein einzelnes übersetztes Wort aus einem Wörterbuch ersetzt diese Arbeit nicht.
Ebenso sollte eine bestandene Sprachprüfung nicht allein als Beleg dafür gelten, dass jemand biblische Texte im späteren Berufsalltag kompetent erschließt. Entscheidend ist, wie die Kenntnisse tatsächlich genutzt und weiterentwickelt werden.
Welche Kompetenzen sollte jede Person nachweisen?
Ich wünsche mir verbindliche Prüfungen im verantwortlichen Umgang mit Texten. Studierende könnten mehrere Übersetzungen vergleichen, eine strittige Stelle mit Fachliteratur bearbeiten und ihre Entscheidung für einen konkreten Gemeindekontext begründen.
Dazu gehört, Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen. Wer muss bei einer Frage fachliche Hilfe suchen? Welche Hilfsmittel sind zuverlässig? Wie unterscheiden sich eine sprachliche Beobachtung und eine theologische Schlussfolgerung?
Digitale Werkzeuge können unterstützen. Sie müssen kritisch genutzt werden. Auch ein schnell verfügbares Analyseergebnis ist nicht schon deshalb richtig. Solche Urteilskompetenz sollte ausdrücklich Teil der Ausbildung sein.
Die praktische Seite darf kein Restfach bleiben
Eine Pfarrperson begegnet Menschen in Trauer, leitet Veränderungsprozesse und spricht mit Menschen, denen kirchliche Sprache fremd ist. Sie arbeitet in Teams und trägt Verantwortung für zugängliche Angebote.
Gemeindeentwicklung, Seelsorge, Konfliktbearbeitung und Inklusion sollten deshalb nicht nur gelegentlich vorkommen. Sie brauchen Lernzeit, Begleitung und ernsthafte Prüfungen.
Ich möchte, dass Studierende zeigen, wie sie einen Sozialraum kennenlernen, mit anderen eine Idee entwickeln und ihre Wirkung überprüfen. Ebenso sollten sie eine biblische Botschaft verständlich entfalten können, ohne Menschen zu drängen oder ihre Lebenslage zu übergehen.
Ein möglicher Reformweg
Ich kann mir eine gemeinsame theologische Grundausbildung mit unterschiedlichen Vertiefungswegen vorstellen. Alle lernen sorgfältige Auslegung, Übersetzungsvergleich und den kritischen Gebrauch von Hilfsmitteln. Wer vertieft sprachlich oder wissenschaftlich arbeiten möchte, erhält dafür einen anspruchsvollen Weg.
Für das Pfarramt könnte geprüft werden, welche Sprachkompetenz in welchem Umfang wirklich für alle nachgewiesen werden muss. Unterschiedliche Lernwege sollten nicht automatisch zu einer Rangordnung geistlicher Eignung werden.
Ein solcher Vorschlag braucht fachliche Diskussion. Er ist kein fertiger Ersatzlehrplan. Aber die bisherige Pflicht sollte sich ebenso begründen müssen wie eine Veränderung.
Barrierefreiheit gehört in diese Debatte
Als blinder Student denke ich auch an die Zugänglichkeit von Materialien und Prüfungen. Eine fachliche Anforderung und eine vermeidbare Barriere sind unterschiedliche Dinge.
Ein anspruchsvolles Studium darf verlangen, dass Menschen sorgfältig denken und arbeiten. Es sollte nicht unnötig erschweren, dieses Können zu zeigen. Materialien, Hilfsmittel und Prüfungsformen müssen dafür mitgedacht werden.
Auch hier hilft eine Orientierung am Ziel: Welche Kompetenz soll nachgewiesen werden? Und welche Form erlaubt einen fairen, fachlich gleichwertigen Nachweis?
Wozu wir Menschen ausbilden
Für mich steht am Ende die Frage nach dem Dienst an Menschen. Eine Gemeinde braucht theologische Tiefe und Menschen, die diese Tiefe in Beziehung übersetzen können.
Ich wünsche mir ein Studium, das dazu befähigt, Jesus verständlich zu bezeugen, zuzuhören und Kirche mit anderen zu gestalten. Gute wissenschaftliche Arbeit und gute Praxis müssen dabei zusammenkommen.
Die Sprachfrage darf deshalb offen gestellt werden. Nicht als Abkürzung um jede Anstrengung herum, sondern als ernsthafte Prüfung, welche Anstrengung für welches Ziel notwendig ist. Die Kirche von morgen braucht eine Ausbildung, die sich diese Frage zutraut.
Quellen und weiterführende Informationen
EKD: Evangelisch-theologischer Fakultätentag reformiert Pfarramtsstudium
Zum Weiterlesen und Weiterarbeiten
Theologische Impulse und Verkündigung
Teamentwicklung und Brückenbauen