Glaube hat viele Sprachen: Wie der Gebärdenchor St. Georg Kirche mitgestaltet

Kirche, die niemanden zurücklässt · Folge 2 · Köln, Deutschland

Am Anfang stand ein Weihnachtslied. Für einen Gottesdienst am Heiligen Abend in St. Georg in Köln bereiteten zwei Menschen „Stille Nacht, Heilige Nacht“ in Gebärden vor. Weitere Menschen machten mit, weitere Lieder kamen hinzu. So beschreibt Chorleiterin Dr. Juliane Mergenbaum die Anfänge des Gebärdenchors auf der Website von St. Georg. Aus dieser Idee wurde eine künstlerische Gemeinschaft, die bis heute Gottesdienste mitgestaltet.

Aus einer Weihnachtsidee wächst ein Chor

Der Chor entstand im Jahr 2000 in der katholischen Gemeinde St. Georg. Das Erzbistum Köln nennt in seinem Bericht vom 29. September 2026 Pfarrer Dr. Hermann-Josef Reuther als Gründer. Die Mitglieder kommen demnach aus Deutschland, Polen und der Ukraine. Zu den dokumentierten Auftritten gehören die Kölner Philharmonie und eine Veranstaltung in Brüssel, bei der das Ensemble Nordrhein-Westfalen im Bereich inklusiver Kulturarbeit vertrat.

Nach eigener Beschreibung sind die Chormitglieder gehörlos oder hochgradig schwerhörig. Die Chorleiterin gibt Tempo und Rhythmus vor, damit Gebärden und gesungenes Lied zusammenpassen. Häufig begleitet der Sänger und Musiker Peter Worms den Chor. Die Mitglieder bringen dabei ihre eigene Ausdruckskraft ein: Sie gestalten Lieder für ein Publikum, das ihnen zusieht.

Anerkennung für künstlerische Teilhabe

Am 11. Juli 2026 erhielt der Chor beim SINGklusions-Festival in Menden das Prädikat „Hier klingt’s mir gut“. Die verleihende Initiative dokumentiert die Auszeichnung und beschreibt, wie das Ensemble Deutsche Gebärdensprache, Bewegung, Mimik und Rhythmus verbindet. Die Jury würdigte seine langjährige Arbeit für kulturelle Teilhabe. Auch das 25-jährige Bestehen im Jahr 2025 ist dort festgehalten.

Damit ist eine konkrete Entwicklung belegt: Die Arbeit blieb über Jahrzehnte bestehen, führte auf öffentliche Bühnen und wurde außerhalb der Gemeinde ausgezeichnet. Wie einzelne Mitglieder ihr Leben dadurch verändert sehen, lässt sich aus diesen Quellen nicht für alle sagen. Eine Auszeichnung ersetzt keine solchen persönlichen Stimmen. Sie macht aber die künstlerische Arbeit öffentlich sichtbar.

Eine Sprache bekommt Raum im Gottesdienst

Der Chor gehört zu einer Gemeinde, die Gebärdensprache auch in ihrer Liturgie verankert. Nach den Angaben von St. Georg zur Messe mit Gebärden wird einmal monatlich die Sonntagsmesse um 10:30 Uhr übersetzt. In besonderen Zeiten des Kirchenjahres übernehmen gehörlose Lektorinnen und Lektoren die Übersetzung von Lesung, Evangelium und Fürbitten. Auch der Gebärdenchor gestaltet dann Gottesdienste mit. Die jeweiligen Termine veröffentlicht die Gemeinde in ihrem Kalender.

Darin liegt für mich der ermutigende Kern dieser Geschichte: Menschen prägen mit ihrer Sprache, ihrer Vorbereitung und ihrer Kunst das gemeinsame Feiern. Wer einen Text auslegt oder ein Lied gestaltet, übernimmt Verantwortung dafür, wie andere Menschen Glauben erfahren. Diese Verantwortung gehört mitten ins Gemeindeleben.

Theologische Einordnung: Die Gaben aller gehören dazu

Im ersten Korintherbrief, Kapitel 12, beschreibt Paulus die Gemeinde als einen Leib mit vielen Gliedern. Unterschiedliche Gaben sind für das Ganze nötig. Für eine Kirche, die niemanden zurücklässt, steckt darin eine anspruchsvolle Frage: Welche Fähigkeiten können bei uns überhaupt zur Geltung kommen?

Wenn die gewohnten Abläufe ausschließlich auf gesprochene Worte und hörbare Musik ausgerichtet sind, werden auch die Möglichkeiten zum Mitgestalten eng. Die Kölner Geschichte regt dazu an, diese Abläufe zu öffnen. Eine Gemeinde kann lernen, sich von den Ausdrucksformen ihrer Mitglieder verändern zu lassen. Dafür braucht es Zeit, Können und die Bereitschaft, Entscheidungen gemeinsam zu treffen.

Zugehörigkeit wird dann an konkreten Aufgaben erfahrbar: Wer bereitet mit vor? Wer bekommt Raum? Wessen Sprache trägt das gemeinsame Gebet? Solche Fragen reichen über ein einzelnes Konzert hinaus. Sie betreffen das Selbstverständnis einer Kirche, die in jedem Menschen einen Träger von Gaben sieht.

Ein erster Schritt für die eigene Gemeinde

Eine Gemeinde in Deutschland könnte mit einem gemeinsamen Planungsgespräch beginnen: Gehörlose und schwerhörige Menschen entscheiden mit, welche Form von Beteiligung sie sich wünschen. Daraus lässt sich ein überschaubarer nächster Schritt entwickeln, etwa ein gemeinsam vorbereiteter Gottesdienst mit professioneller Gebärdensprachdolmetschung und fest eingeplantem Budget.

Zur Vorbereitung gehören gute Sichtverhältnisse, passende Beleuchtung und verständliche Informationen darüber, welche Unterstützung tatsächlich vorhanden ist. Nachher sollten die Beteiligten zusammen auswerten, was funktioniert hat und was verbessert werden muss. Auch schriftliche Informationen bleiben wichtig, damit wesentliche Inhalte auf verschiedenen Wegen zugänglich sind.

Dabei darf die Antwort ganz unterschiedlich ausfallen. Manche möchten künstlerisch mitwirken, andere Verantwortung in einem Gremium übernehmen oder einfach entspannt am Gottesdienst teilnehmen. Die Wünsche der Menschen geben die Richtung vor. Genau dort kann eine Gemeinde anfangen, die eigenen Türen weiter zu öffnen.

Recherche-Stand: 2. November 2026. Grundlage sind die verlinkten Selbstauskünfte von St. Georg und des Erzbistums sowie die Dokumentation der auszeichnenden Initiative. Titelgrafik: eigene Gestaltung.

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