2024 führte mich mein Auslandssemester nach São Bento do Sul. Eine persönliche Perspektive auf Rassismus, deutsche Einwanderungsgeschichte und eine Kirche, die Zugehörigkeit leben soll.
2024 war ich für mein Auslandssemester in São Bento do Sul in Santa Catarina. Ich studierte an der Faculdade Luterana de Teologia und bewegte mich in einem Umfeld, das stark von weißen Menschen geprägt war. Brasilien bedeutete für mich Sprache, Verbundenheit und die Hoffnung, mehr von mir selbst zu verstehen.
Zu dieser Zeit gehört auch Rassismus, den ich dort erlebt habe. Das auszusprechen ist Teil meiner Geschichte. Ein Ort kann mir viel bedeuten und Erfahrungen in sich tragen, die schmerzen. Beides findet Platz in meinem Blick auf Brasilien.
Zwischen Vertrautheit und dem Wunsch dazuzugehören
Im Süden Brasiliens begegnete mir eine besondere Verbindung zu Deutschland. Die deutsche Einwanderungsgeschichte und die lutherische Präsenz geben manchen Orten eine Prägung, die aus deutscher Perspektive vertraut wirken kann.
Für mich entsteht dadurch eine eigene Spannung. Ich bringe eine deutsche und brasilianische Verbindung mit und bin Schwarz. Eine Erzählung, die Deutschsein vor allem mit Weißsein verbindet, berührt deshalb unmittelbar meine Zugehörigkeit.
Ich wünsche mir eine Sprache, in der meine Geschichte als selbstverständlich möglich vorkommt. Ein Mensch kann deutsch geprägt, brasilianisch verbunden, Schwarz und christlich sein. Diese Verbindungen machen mein Leben aus und erweitern das Bild dessen, was Menschen miteinander teilen können.
Das Auslandssemester war auch ein eigener Weg
Ich absolvierte mein Studium dort auf Portugiesisch. In ungefähr anderthalb Jahren hatte ich mir vor meinen Aufenthalten mit zweimal wöchentlichem Unterricht diese Sprache erarbeitet. Sie eröffnete mir Zugang zu Gesprächen und Gedanken, die mich auf besondere Weise berührten.
Eine Sprache kann ein Zuhausegefühl wachsen lassen. Zugleich entscheidet sie allein noch nicht darüber, wie andere einen Menschen wahrnehmen. Zugehörigkeit entsteht auch durch Beziehungen, Erwartungen und die Frage, wer im jeweiligen Umfeld als selbstverständlich passend gilt.
Während meiner Zeit in São Bento do Sul wuchs der Wunsch, mich stärker mit Schwarzen Menschen zu verbinden und mehr über meine Wurzeln und Identität zu erfahren. Darin liegt für mich eine wichtige Bewegung: Menschen suchen Räume, in denen ihre Erfahrungen verstanden werden und ihre Geschichte einen eigenen Klang erhält.
Was die Bevölkerungsstruktur erklärt
Der Zensus 2022 weist Santa Catarina als einen Bundesstaat mit einem besonders hohen Anteil von Menschen aus, die sich als weiß einordnen. Solche Daten helfen, eine demografische Umgebung zu beschreiben. Über das Verhalten einer einzelnen Person sagen sie zunächst wenig aus.
Für die Erfahrung einer Schwarzen Person kann es dennoch bedeutsam sein, häufig die einzige oder eine von wenigen im Raum zu sein. Dann wächst die Aufmerksamkeit dafür, wie andere Zugehörigkeit beschreiben, welche Bilder selbstverständlich bleiben und welche Erfahrungen erklärt werden müssen.
Meine Perspektive verbindet deshalb die persönliche Erfahrung mit einer strukturellen Frage: Wer kommt in der Geschichte einer Region vor, wer gestaltet ihre Gegenwart und wer wird dabei übersehen?
Deutsche Einwanderung verdient eine vollständige Erinnerung
2024 wurde das zweihundertjährige Jubiläum der lutherischen Präsenz in Brasilien begangen. Die ersten entsprechenden Gemeinden entstanden 1824 im Zusammenhang mit der Einwanderung. Die Erinnerung daran kann Dankbarkeit für Sprache, Bildung und Gemeinschaft ausdrücken.
Eine vollständige Erinnerung nimmt zusätzlich die Menschen wahr, die bereits im Land lebten, die Schwarze Bevölkerung und die unterschiedlichen Bedingungen des Zugangs zu Land. So wird aus einer Familien- oder Gruppengeschichte eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe.
Mich interessiert, wie eine solche Erinnerung erzählt wird. Wer gilt als Aufbauender des Landes? Welche Arbeit wird sichtbar? Wo erscheinen indigene Menschen und Schwarze Menschen mit eigener Stimme? Diese Fragen machen historische Verbundenheit tiefer.
Eine bemerkenswerte Stimme aus der lutherischen Kirche
Die IECLB veröffentlichte am Reformationstag 2024 eine „Carta à Nação Brasileira“. Darin spricht sie selbst über problematische Beziehungen zu indigenen Völkern, die europäische und überwiegend weiße Prägung ihrer Mitgliedschaft sowie Rassismus und Sympathien für autoritäre Gruppen im eigenen Umfeld.
Für mich ist dieses Dokument bedeutsam, weil eine Kirche ihre eigene Geschichte öffentlich prüft. Sie formuliert Verantwortung innerhalb der eigenen Gemeinschaft. So entsteht ein Bezugspunkt für die Frage, wie aus Erinnerung und Einsicht tatsächliche Veränderungen wachsen können.
Die IECLB und die IELB sind unterschiedliche lutherische Kirchen. Aussagen eines konkreten Dokuments lassen sich der jeweiligen Institution zuordnen. Die Vielfalt lutherischer Gemeinden und Traditionen bleibt dabei sichtbar.
Was eine Kirche mit dieser Einsicht anfangen kann
Eine Gemeinde kann ihre Willkommenskultur sehr praktisch prüfen. Wer übernimmt Leitung? Welche theologischen Perspektiven werden gelesen? Wie werden rassistische Erfahrungen aufgenommen? Welchen Raum erhalten Schwarze und indigene Stimmen in Bildung und Gottesdienst?
Für mich gehört dazu auch, dass die Erzählung eines betroffenen Menschen als Erfahrung gehört wird. Ein Gespräch wird eng, wenn sofort nach einer harmloseren Erklärung gesucht wird. Es öffnet sich, wenn jemand fragt, was geschehen ist, wie es gewirkt hat und was sich verändern sollte.
Als blinder Mensch denke ich zusätzlich an Unterstützung und Selbstbestimmung. Wer Hilfe braucht, sollte zugleich als Studierender, Gesprächspartner und Mitgestaltender ernst genommen werden. Inklusion verbindet die Anerkennung von Bedarf mit der Anerkennung von Fähigkeiten.
Wie die politische Landschaft hineinwirkt
Santa Catarina war 2022 bei der Präsidentschaftsstichwahl eine deutliche Hochburg Jair Bolsonaros: Nach dem offiziellen Bericht des regionalen Wahlgerichts erhielt er 69,27 Prozent der gültigen Stimmen.
Eine solche Zahl beschreibt ein Wahlergebnis. Sie hilft, das politische Umfeld einzuordnen, während konkrete Erlebnisse und individuelle Verantwortung ihren eigenen Platz behalten. Für mich bleibt wichtig, wie politische Sprache im Alltag aufgenommen wird und welche Menschen sich dadurch gestärkt oder an den Rand gedrängt erleben.
Gerade Kirchen können hier eine eigene Verantwortung wahrnehmen. Ihr Auftrag zur Menschenwürde reicht in die Gestaltung von Beziehungen hinein, auch wenn eine politische Mehrheit andere Akzente setzt.
Was ich aus dieser Zeit mitnehme
Meine Zeit im Süden gehört zu meinem Weg. Sie hat Fragen nach Herkunft, Unterstützung und Zugehörigkeit vertieft. Ich möchte sie so erzählen, dass meine Erfahrung erkennbar bleibt und zugleich ein Gespräch über gesellschaftliche Veränderung möglich wird.
Ich wünsche mir eine Kirche, in der ein Schwarzer blinder Mensch als Mensch mit Geschichte, Gaben und eigener Stimme ankommt. Eine Kirche, die ihre vertrauten Bilder erweitert und sich von anderen Erfahrungen verändern lässt.
Darin liegt für mich Hoffnung: Zugehörigkeit kann wachsen, wenn Menschen einander zuhören und Verantwortung übernehmen. Meine Verbindung zu Brasilien trägt diese Hoffnung weiter. Auch die schmerzhaften Erfahrungen bekommen darin einen Platz.
Quellen und vertiefende Lektüre
IECLB: Carta à Nação Brasileira, 31. Oktober 2024
IECLB: Zweihundert Jahre lutherische Präsenz
IECLB: Reflexion über afrobrasilianische Menschen und Einwanderungsprivilegien
IBGE: Santa Catarina im Zensus
TRE-SC: Amtliches Ergebnis der Präsidentschaftsstichwahl 2022
Weitere Perspektiven auf Brasilien
Alle Beiträge der Brasilien-Reihe
Meine Haltung: Würde, Inklusion und Zugehörigkeit