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Samba verstehen: Geschichte, Instrumente und das gemeinsame Leben in der Roda

Eine Samba-Runde lebt davon, dass Menschen einander hören. Eine Stimme beginnt, andere antworten, das Pandeiro setzt Akzente und das Cavaquinho hält eine bewegliche harmonische Begleitung. In einer großen Sambaschule kann aus dieser Verbindung ein vielschichtiger Klang mit zahlreichen Beteiligten entstehen.

Samba besitzt mehrere Geschichten und Formen. Ein guter Einstieg führt nach Bahia, in Rios Nachbarschaften und zu den Menschen, die Lieder, Instrumente und Gemeinschaft weitergeben.

In diesem Artikel

Was Samba zusammenhält

Samba ist eine Familie musikalischer Praktiken. Eine kleine Runde mit Gesang und Saiteninstrumenten klingt anders als die große Trommelgruppe eines Karnevalsumzugs. Beide können zur Sambawelt gehören. Ihre Verbindung liegt in rhythmischen Beziehungen, Repertoire und gesellschaftlicher Geschichte. Das Tempo allein genügt nicht zur Bestimmung: Auch ein ruhiges Lied kann Samba sein.

Eine roda ist eine Runde, in der Menschen singen, spielen, klatschen und tanzen. Wiederkehrende Refrains ermöglichen gemeinsame Antworten; dazwischen können einzelne Stimmen erzählen oder improvisieren. Auf diese Weise verteilt sich die musikalische Verantwortung. Einige halten den Ablauf, andere führen eine neue Wendung ein, und die Gruppe reagiert darauf. Dieses Verhältnis von Wiederholung und Veränderung verbindet viele Formen, die in den folgenden Kapiteln genauer vorgestellt werden.

Bahia: Samba de Roda und die Bedeutung des Kreises

Im Recôncavo, der Region um die Allerheiligenbucht in Bahia, verbindet Samba de Roda Musik, Tanz und Gesang. Die Beteiligten bilden einen Kreis; einzelne Personen treten zum Tanzen hinein. Instrumente und klatschende Hände tragen den rhythmischen Zusammenhang.

Diese Praxis wurde von afrikanischstämmigen Gemeinschaften unter den Bedingungen der Kolonialzeit und danach weiterentwickelt. Sie verbindet lokale Feste, religiöse Beziehungen und die Freude am gemeinsamen Musizieren. Die Weitergabe erfolgt häufig durch Zuhören, Nachahmen und langjährige Teilnahme.

Die UNESCO würdigte die Tradition 2005. Auf brasilianischer Ebene wurde der Geltungsbereich der Anerkennung 2024 auf weitere Räume Bahias erweitert und die Bezeichnung entsprechend angepasst. Der Wandel zeigt, dass Kulturerbe durch aktuelle Forschung und die Beteiligung seiner Gemeinschaften weiter beschrieben wird. UNESCO zum Samba de Roda, IPHAN zur Revalidierung und Erweiterung.

Rio: Migration und eigene musikalische Räume

Die Hafenstadt Rio de Janeiro verband im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Arbeit, Binnenmigration und afrobrasilianische religiöse Netzwerke. In den Vierteln um Hafen und Praça Onze lebten Menschen, deren Familien aus Bahia oder anderen Regionen gekommen waren. Häuser und Höfe wurden zu Treffpunkten für Feste, Essen, Religion und Musik. Die Bezeichnung Pequena África, „Klein-Afrika“, erinnert an diese räumlich verbundenen Lebenswelten.

Eine besonders bekannte Gastgeberin war Hilária Batista de Almeida, genannt Tia Ciata. Ihre Bedeutung lag in der Verbindung verschiedener Aufgaben: Sie war Baiana, religiös eingebunden und Teil eines Netzes von Familien und Musikern. Ein Haus konnte Raum zum Musizieren bieten, Kontakte vermitteln und Menschen unterstützen. Die Arbeit solcher Frauen gehört daher zur Entstehungsgeschichte des Samba ebenso wie ein später berühmt gewordenes Musikstück.

„Pelo Telefone“, 1916 registriert und 1917 verbreitet, wurde zu einem frühen kommerziellen Meilenstein. Mit den registrierten Autoren Donga und Mauro de Almeida verbindet sich zugleich die Frage, wie gemeinschaftliche musikalische Praxis in ein System individueller Urheberschaft und Plattenvermarktung übersetzt wurde. Eine im Kreis veränderte Melodie, ein neu hinzugefügter Vers und eine registrierte Komposition sind verschiedene Stufen kultureller Produktion.

Im Umfeld des Stadtteils Estácio entstand in den späten 1920er-Jahren eine neue Generation von Samba-Organisationen. Deixa Falar gehört zu dieser Geschichte. Musik musste nun auch Menschen tragen, die sich gemeinsam durch Straßen bewegten. Rhythmische Gestaltung, Gruppenorganisation und Karnevalspraxis beeinflussten einander. Samba wurde danach über Radio und Schallplatte zu einer weithin verbreiteten Musik, während die lokalen Treffpunkte als Orte des Lernens fortbestanden. Das IPHAN-Dossier zu den Matrizes do Samba verfolgt diese Entwicklungen.

Samba wird national: Anerkennung und Ausgrenzung zugleich

Mit Schallplatte und Radio erreichte Samba Menschen weit außerhalb seiner Entstehungsorte. Ein Lied konnte aus einem örtlichen Kreis in ein Studio gelangen, dort ein festgelegtes Arrangement erhalten und von einer bekannten Stimme interpretiert werden. Damit änderte sich sein gesellschaftlicher Weg. Aus einer gemeinsamen Aufführung wurde ein wiederholt abspielbares Werk; Verlage, Urheberrechte und Verkäufe gewannen an Bedeutung.

Diese Entwicklung machte Musiker bekannt, verteilte Anerkennung aber ungleich. Ein Interpret konnte stärker im Vordergrund stehen als die Person, die das Lied komponiert hatte. Ein gemeinschaftlich erarbeitetes Motiv konnte unter wenigen Namen registriert werden. Dazu kamen rassistische Barrieren und die Abwertung der Wohnviertel, aus denen viele Beteiligte kamen. Samba wurde als nationale Kultur gefeiert, während Schwarze Menschen im Alltag weiterhin um gleiche Anerkennung kämpfen mussten.

Im Estado Novo, der Diktatur Getúlio Vargas’ von 1937 bis 1945, verband sich Kulturpolitik mit dem Entwurf eines geeinten Landes. Patriotische Darstellungen konnten gefördert werden; gleichzeitig blieb das Repertoire vielfältiger als staatliche Erwartungen. Samba-exaltação bezeichnet eine besonders repräsentative Form, deren Texte und große Arrangements Land und Nation verherrlichen können. Ary Barrosos Aquarela do Brasil von 1939 wurde zu ihrem bekanntesten Bezugspunkt. Musica Brasilis dokumentiert Werk und Entstehungsjahr.

Andere Formen richten den Blick stärker auf persönliche Beziehungen oder eine erzählte Szene. Samba-canção lässt Melodie und Gesang häufig in einem ruhigeren, ausdrucksvollen Verlauf hervortreten. Beim Samba de breque können musikalische Unterbrechungen Raum für gesprochene Einwürfe schaffen. Der Effekt ähnelt einer kurzen szenischen Wendung: Die Begleitung hält an, die Stimme kommentiert, dann setzt die Musik wieder ein. Die Untergattungen zeigen, dass Samba weit mehr umfasst als die gleichmäßige Begleitung eines Karnevalsumzugs. Das Arquivo Nacional verfolgt diese unterschiedlichen Entwicklungen.

Die Entwicklung lässt sich deshalb nicht als einfacher Aufstieg vom „primitiven“ Ursprung zur modernen Kunst erzählen. Frühe gemeinschaftliche Formen verlangten bereits präzises musikalisches und sprachliches Können. Die Medien schufen andere Aufführungsbedingungen und andere Maßstäbe des Erfolgs. Sie ersetzten die örtlichen Praktiken nicht vollständig; beide beeinflussten einander weiter.

Drei wichtige Begriffe: Partido-alto, Terreiro und Enredo

Beim Partido-alto antwortet die Gruppe auf gesungene Verse mit einem bekannten Refrain. Ein Solist kann einen neuen Vers bilden, auf eine vorherige Aussage reagieren oder eine Person im Kreis mit Wortwitz ansprechen. Dafür muss er gleichzeitig Thema, Reim, Länge und musikalischen Einsatz beachten. Die anderen tragen die wiederkehrende Antwort und erkennen, ob die neue Wendung besonders gelungen ist. Improvisation findet also innerhalb einer gemeinsam getragenen Form statt.

Samba de Terreiro bezeichnet ein Repertoire aus dem gemeinschaftlichen Umfeld von Sambaschulen und ihren Treffpunkten. Ein Lied kann von Liebe, Enttäuschung, einem Stadtviertel oder der eigenen Schule handeln, ohne eigens für den jährlichen Umzug geschrieben zu sein. Es wird wieder gesungen, weil die Gemeinschaft seine Melodie und Geschichte kennt. Der Terreiro ist dabei ein sozialer Ort; das Wort darf hier nicht automatisch mit einem religiösen Candomblé-Haus gleichgesetzt werden.

Samba-enredo wird für ein Enredo, das Thema und den erzählerischen Entwurf eines Karnevalsumzugs, komponiert. Ein solches Lied muss mehr leisten als Informationen aufzählen. Seine Verse sollen eine Geschichte entfalten, während einprägsame Refrains von sehr vielen Menschen gemeinsam gesungen werden können. Text, Melodie und das Tempo des Umzugs müssen zueinander passen. Die Aufführung verbindet das Lied mit Kostümen, Wagen und den einzelnen Gruppen.

Die Darstellung des IPHAN zu diesen drei Traditionen ordnet sie ihren Entstehungs- und Aufführungsräumen zu. Im heutigen Repertoire begegnen sie einander: Ein Lied aus einer Schule kann außerhalb des Karnevals in einer kleinen Runde weiterleben. Eine gemeinsame musikalische Herkunft schafft verschiedene Gebrauchsmöglichkeiten.

Die Instrumente und ihre Aufgaben

Das Cavaquinho ist ein kleines viersaitiges Zupfinstrument mit einem hellen, kurzen Klang. Im Samba setzt es häufig Akkorde in rhythmisch gegliederten Anschlägen. Es verbindet dadurch zwei Aufgaben: Die Akkordfolge zeigt den harmonischen Verlauf, die Anschläge geben der Begleitung Bewegung. Zwischen den gesungenen Zeilen können kleine Füllfiguren auftreten.

Das Pandeiro ist eine Rahmentrommel mit Schellen. Ein geübter Spieler kann mit Daumen, Fingern, Handfläche und Dämpfung tiefe Fellklänge, kurze Schläge und Schellenrauschen unterscheiden. Das Instrument enthält dadurch mehrere Klangschichten. Beim Zuhören lässt sich verfolgen, wie ein tiefer Impuls einen helleren Akzent vorbereitet oder wie eine kurze Pause den folgenden Einsatz hervorhebt.

Der große Surdo trägt tiefe Schläge. In einer Bateria, der Perkussionsgruppe einer Sambaschule, übernehmen mehrere Surdo-Stimmen aufeinander bezogene Aufgaben. Caixas ergänzen rollende, schärfere Klangflächen; das kleine Tamborim setzt präzise Figuren. Ein Tamborim ist eine kleine Trommel ohne Schellen und unterscheidet sich vom Pandeiro. Agogô erzeugt abgestufte metallische Glockentöne; die Cuíca produziert durch Reibung einen veränderbaren, fast stimmähnlichen Ton.

In einer kleinen Runde können Gitarre, Cavaquinho, Pandeiro und weitere Perkussion genügen. Tantã und Repiques de mão gehören zu Klangbildern, die besonders durch Pagode-Gruppen verbreitet wurden. Besetzung und Spielweise hängen vom Ort und Repertoire ab. Die Frage „Welches Instrument ist typisch?“ wird deshalb ergiebiger, wenn man hinzufügt: für welche Art von Samba und für welche Aufführung?

Eine Bateria verlangt gemeinsame Zeichen. Die Leitung gibt Einsätze, Unterbrechungen und Bossas, vorbereitete rhythmische Einwürfe. Wenn viele Trommeln plötzlich schweigen und gemeinsam wieder einsetzen, beruht die Wirkung auf genauer Probe und Aufmerksamkeit. Das Publikum hört einen großen Klangkörper; dahinter stehen aufgeteilte Aufgaben und die Fähigkeit, auf andere Stimmen zu reagieren.

Wie der Rhythmus zusammenwirkt

Ein gemeinsamer Puls schafft Orientierung, aber die einzelnen Instrumente betonen nicht alle dieselben Momente. Tiefe Trommeln können tragende Schläge setzen, während Cavaquinho, Tamborim und Pandeiro den Zwischenraum unterschiedlich gliedern. Diese versetzten Betonungen werden häufig als Synkopen beschrieben. Sie erzeugen Spannung, ohne den gemeinsamen zeitlichen Zusammenhang aufzulösen.

Das Wort „Swing“ wird oft verwendet, um die Wirkung zu beschreiben. Es bezeichnet hier keine zufällige Ungenauigkeit. Dauer, Gewicht und Abstand einzelner Töne werden so gestaltet, dass die Stimmen zusammenpassen. Ein maschinell gleich lautes Aneinanderreihen sämtlicher Schläge würde selbst bei richtiger Zählzeit anders wirken. Diese Feinheiten lernt man durch Hören, Mitspielen und die Rückmeldung erfahrener Menschen.

Auch Harmonie und Rhythmus sind verbunden. Wenn das Cavaquinho einen Akkord kurz vor einem erwarteten Schwerpunkt anschlägt, entsteht eine andere Bewegung, als wenn es denselben Akkord genau auf den tiefen Trommelschlag setzt. Eine Gitarre kann mit Basslinien zum nächsten Akkord führen. Der Gesang wiederum kann längere Bögen darüberlegen. So entsteht ein dichter Klang, obwohl jede einzelne Stimme nur einen Teil übernimmt.

In einer Roda müssen die Beteiligten außerdem wissen, wann ein Lied beginnt, welche Strophen folgen und wie der Schluss erreicht wird. Blickkontakt ist eine Möglichkeit; gesungene Einsätze, harmonische Wendungen und hörbare Signale sind weitere. Für blinde Mitwirkende können solche akustischen Informationen und klare Absprachen besonders wichtig sein. Gemeinsames Musizieren beruht nicht ausschließlich auf sichtbaren Zeichen.

Ein einfacher Hörzugang besteht darin, einen Refrain mehrmals zu verfolgen. Beim ersten Mal achtet man auf den Gesang, beim zweiten auf die tiefen Impulse, beim dritten auf die kurzen hellen Anschläge. Danach lässt sich beobachten, wie eine Strophe die bekannte Form verändert. So wird aus einem zunächst überwältigenden Gesamtklang ein verständliches Zusammenspiel von Aufgaben.

Sambaschulen als gemeinschaftliche Organisationen

Eine Escola de Samba ist ein Verein mit einer Geschichte, Mitgliedern, Leitung, Probenorten und vielfältigen Arbeitsbeziehungen. Die Quadra ist ein zentraler Treffpunkt für Proben und Veranstaltungen. Im Barracão werden große Teile des Umzugs vorbereitet und gebaut. Der Begriff „Schule“ bedeutet nicht, dass es sich einfach um eine gewöhnliche Musikschule handelt; gelernt wird durch Teilnahme, Anleitung und wiederkehrende gemeinsame Arbeit.

Der Carnavalesco oder die Carnavalesca entwickelt den künstlerischen Zusammenhang des Umzugs. Daraus entstehen Entwürfe für Wagen, Kostüme und Gruppen. Schneiderinnen, Schweißer, Tischlerinnen, Modellbauer und viele weitere Fachleute setzen sie um. Komponisten schreiben Vorschläge für den Samba-enredo; die Auswahl ist zugleich ein musikalischer und gemeinschaftlicher Prozess. Verschiedene Schulen organisieren diese Schritte unterschiedlich.

Die Porta-bandeira trägt die Fahne, der Mestre-sala begleitet und präsentiert sie in einem eigenen tänzerischen Zusammenspiel. Die Fahne steht für die Schule und ihre Geschichte. Die Comissão de frente eröffnet den Umzug mit einer vorbereiteten Darstellung. Gruppen wie die Baianas und die Velha Guarda tragen besondere Erinnerungsfunktionen. Die Beteiligten sind damit Träger bestimmter Rollen, nicht bloß eine anonyme Menge in Kostümen.

Die Schulgeschichte lebt zwischen den jährlichen Wettbewerben weiter: in Erinnerungen an frühere Lieder, im Wissen über besondere Personen und in der Beziehung zum Stadtviertel. Die öffentliche Finanzierung, Sponsoren, Eintrittsgelder und kommerzielle Verwertung stehen zugleich in einem Spannungsverhältnis zur freiwilligen Arbeit und lokalen Zugehörigkeit. Die IPHAN-Dokumentation zur Weitergabe der Samba-Traditionen behandelt deshalb auch die tatsächlichen Räume ihrer Gemeinschaften.

Komponierende, Interpretinnen und die Entwicklung des Pagode

Cartola verbindet sich besonders mit Mangueira und einer Liedkunst, in der Melodie, sprachliche Genauigkeit und persönliche Erfahrung zusammenkommen. Sein später großer Erfolg macht außerdem sichtbar, dass künstlerische Anerkennung und ein gesichertes Einkommen nicht automatisch gleichzeitig entstehen. Die Ausstellung des Itaú Cultural zu Cartola erschließt Werk und Lebensumfeld mit Archivmaterial und Erinnerungen von Weggefährten.

Dona Ivone Lara steht für die Arbeit einer Komponistin und Sängerin in einem lange stark von Männern besetzten öffentlichen Musikbetrieb. Ihre Geschichte gehört zu Império Serrano und zu einem Repertoire, das weit über einen einzigen Karneval hinausreicht. Beth Carvalho machte als Interpretin und Förderin viele Kompositionen und Musiker einem größeren Publikum bekannt. Solche Biografien zeigen verschiedene Tätigkeiten hinter dem Oberbegriff „Sambastar“: komponieren, vermitteln, aufnehmen und auf der Bühne interpretieren.

Pagode bezeichnete zunächst auch ein geselliges Zusammentreffen und wurde später zur Bezeichnung für bestimmte musikalische Szenen und kommerzielle Stilrichtungen. Die mit Fundo de Quintal verbundene Entwicklung veränderte die Klangbalance kleiner Gruppen durch Instrumente wie Banjo mit Cavaquinho-Stimmung, Tantã und Repique de mão. In den 1990er-Jahren erreichten romantisch geprägte Pagode-Gruppen große Publika. Das Wort umfasst daher mehrere historische Schichten.

Beim vergleichenden Hören bietet sich eine konkrete Reihenfolge an: zunächst eine dokumentierte Samba-de-Roda-Runde, dann eine kleine Pagode-Besetzung und schließlich eine Sambaschul-Bateria. Wie viele Menschen singen? Wer antwortet wem? Ist ein Akkordinstrument zu hören? Bleibt die Perkussion im Hintergrund oder trägt sie den gesamten öffentlichen Auftritt? Mit solchen Fragen werden Unterschiede zugänglich, auch ohne Noten lesen zu können.

Frauen, Nachbarschaften und die Arbeit hinter dem Auftritt

Die Geschichte des Samba wurde häufig über männliche Komponisten und die Namen großer Schulen erzählt. Frauen waren jedoch von Beginn an an der Organisation musikalischer Räume beteiligt. Gastgeberinnen, Köchinnen, religiöse Autoritäten und Verkäuferinnen ermöglichten Treffen, vermittelten Kontakte und trugen Haushalte, in denen musiziert wurde. Diese Arbeit ist weniger leicht auf einer Schallplatte zu vermerken als eine registrierte Komposition, gehört aber zu deren Voraussetzungen.

Dona Ivone Lara macht eine andere Seite sichtbar: Eine Frau konnte selbst komponieren und eine eigenständige musikalische Sprache entwickeln, während sie zugleich in anderen Berufen arbeitete und familiäre Verantwortung trug. Ihre Lieder wurden von unterschiedlichen Interpretinnen und Interpreten verbreitet. Ihre Bedeutung besteht deshalb nicht nur darin, als Ausnahme in einer Männerwelt erfolgreich gewesen zu sein. Sie gehört zum Kern der Kompositionsgeschichte des Samba. Die Ausstellung zu Dona Ivone Lara erschließt Erinnerungen und Werk.

Eine Quadra oder ein regelmäßig genutzter Hof kann für ein Stadtviertel mehr sein als ein Veranstaltungsort. Hier begegnen sich Generationen, werden Neuigkeiten ausgetauscht und Beziehungen gepflegt. Zugleich müssen Miete, Strom, Reparaturen, Instrumente und Arbeit bezahlt werden. Romantische Vorstellungen einer ganz von selbst existierenden Gemeinschaft verdecken diese materiellen Voraussetzungen.

Das Beispiel Cacique de Ramos zeigt, wie ein solcher Ort neue Musik hervorbringen kann. Seine Runden wurden zu einem wichtigen Umfeld für die Entwicklung von Fundo de Quintal. Beth Carvalhos Album De pé no chão von 1978 trug dazu bei, die dortige Klangwelt breiter bekannt zu machen. Tantã, Repique de mão und Banjo mit Cavaquinho-Stimmung veränderten die Balance kleiner Ensembles. Das staatliche Museumsverzeichnis dokumentiert den Erinnerungsort Cacique de Ramos.

Die öffentliche Aufführung kann Menschen verbinden, sie kann aber auch neue Ausschlüsse schaffen. Hohe Eintrittspreise, unzugängliche Gebäude, fehlende Transportmöglichkeiten oder unsichere Arbeitsverhältnisse beeinflussen, wer teilnehmen kann. Die Frage nach der Zukunft des Samba betrifft daher nicht nur musikalischen Nachwuchs, sondern auch den Erhalt seiner Räume und faire Bedingungen für diejenigen, die ihn tragen.

Eine Sambaschule erzählt Geschichte

Ein Enredo beginnt mit einer Auswahl: Welche Person, welches Ereignis oder welche gesellschaftliche Frage soll öffentlich werden? Recherche und künstlerische Gestaltung müssen daraus eine Abfolge entwickeln, die in einem begrenzten Zeitraum verständlich bleibt. Das Lied muss zugleich erzählerisch funktionieren und von vielen Menschen gesungen werden können. Eine schöne Textzeile allein genügt nicht, wenn sie im gemeinsamen Ablauf schwer verständlich ist.

Die Umsetzung verteilt die Erzählung auf verschiedene Medien. Kostüme können eine Epoche oder eine Gruppe darstellen; Wagen verdichten Szenen; der Gesang verbindet die einzelnen Teile. Die Bateria trägt die Bewegung, während Tänzerinnen und Tänzer eigene Rollen ausführen. Ein Umzug ist deshalb eine komplexe öffentliche Darstellung und kein beliebiges Nebeneinander bunter Bilder.

Gerade Themen Schwarzer Geschichte können dabei eine große Öffentlichkeit erreichen. Eine Schule kann Menschen würdigen, die in Schulbüchern kaum vorkamen, oder ein bekanntes Ereignis aus einer anderen Perspektive erzählen. Die künstlerische Freiheit ersetzt dabei keine historische Genauigkeit. Vielmehr entsteht eine interessante Spannung zwischen sorgfältiger Recherche, symbolischer Verdichtung und der Notwendigkeit, eine Geschichte in Musik und Bewegung zu übersetzen.

Weiterhören und weiterlesen

Eine ruhige Aufnahme Cartolas, eine Partido-alto-Runde und ein Samba-enredo bieten drei unterschiedliche Zugänge. Bei Cartola kann man verfolgen, wie eine Melodie eine sprachliche Aussage trägt. Beim Partido-alto steht die Antwort zwischen Einzelstimme und Gruppe im Vordergrund. Beim Samba-enredo lässt sich hören, wie lange erzählerische Abschnitte und wiedererkennbare Refrains eine große gemeinsame Aufführung ermöglichen.

Die folgenden Quellen verbinden Klanggeschichte, Dokumente und Erinnerungen der Beteiligten. Sie erlauben, Namen und Stile weiterzuverfolgen, ohne Samba auf eine einzige „typisch brasilianische“ Stimmung zu reduzieren.

Weitere Zusammenhänge erklären der Überblick zur Musik Brasiliens und der Artikel über afrobrasilianische Kultur. Die Brasilien-Wissensbibliothek verbindet diese Musikgeschichte mit Städten, Religionen und gesellschaftlicher Entwicklung.

Zur Geschichte einzelner Beteiligter führen die Biblioteca Nacional über die frühe Registrierung und Verbreitung des Samba und die Ausstellung zu Dona Ivone Lara. Beide zeigen, wie aus lokalem Musizieren ein öffentlich dokumentiertes Werk wurde.

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