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Religionen und Kirchen in Brasilien: Katholizismus, evangelische Vielfalt und afrobrasilianischer Glaube

Brasiliens religiöse Landschaft verbindet eine lange katholische Geschichte mit evangelischen Kirchen, afrobrasilianischen Religionen, indigenen Überlieferungen und weiteren Gemeinschaften. Glaube prägt Gottesdienste, Familienfeste und öffentliche Auseinandersetzungen. Religiöse Häuser können zugleich Orte von Musik, Bildung, Diakonie und gesellschaftlicher Organisation sein.

Mich interessiert als Theologiestudent, wie Menschen ihren Glauben leben und welche Formen von Kirche daraus entstehen. Der folgende Überblick erklärt die wichtigsten historischen und theologischen Zusammenhänge. Statistische Grundlage sind die 2025 veröffentlichten Religionsdaten des Zensus 2022.

In diesem Artikel

Die Größenordnung: Eine Gesellschaft im religiösen Wandel

Unter den Menschen ab zehn Jahren ermittelte der Zensus 56,7 Prozent katholische Zugehörigkeit, 26,9 Prozent evangelische Zugehörigkeit und 9,3 Prozent ohne Religion. Die Ergebnisse dokumentieren einen längerfristigen Rückgang des katholischen Bevölkerungsanteils und eine wachsende evangelische Vielfalt.

Diese Zahlen geben einen institutionellen Überblick. Im Alltag können Menschen zusätzlich an Wallfahrten teilnehmen, familiäre Bräuche fortführen oder Beziehungen zu mehreren religiösen Milieus besitzen. Religionszugehörigkeit und die persönliche Intensität des Glaubens sind unterschiedliche Fragen. IBGE zur religiösen Entwicklung.

Katholische Kirche: Kolonialordnung, Pfarrei und gesellschaftliche Verantwortung

Die katholische Missionierung begann mit der portugiesischen Kolonisierung. Unter dem Padroado war kirchliche Organisation eng mit der Krone verbunden. Ordensgemeinschaften wirkten in Bildung und Mission; die koloniale Kirche war zugleich in eine Gesellschaft eingebunden, die Sklaverei und ungleiche Rechtsstellungen organisierte.

Die Republik beendete die katholische Staatsreligion und schuf eine neue rechtliche Beziehung zwischen Kirche und Staat. Pfarrgemeinden, Orden, kirchliche Schulen, Krankenhäuser und Hilfswerke blieben gesellschaftlich wichtig. Der katholische Alltag umfasst Sakramente, Katechese, Heiligenfeste, Pilgerfahrten, Musik und familiäre Rituale.

Die CNBB, die nationale Bischofskonferenz, entstand am 14. Oktober 1952. Sie fördert gemeinsame pastorale Orientierung und wirkt in gesellschaftlichen Fragen mit. Ihre Geschichte zeigt, wie sich eine Kirche über große Entfernungen hinweg organisiert und regionale Anliegen national zur Sprache bringt. CNBB zu ihrer Gründung und Aufgabe.

Messe, Heilige und Wallfahrten: Wie katholischer Glaube gelebt wird

Im Zentrum katholischen Gemeindelebens steht die Messe. Auf Schriftlesungen und Predigt folgt die Eucharistie: Brot und Wein werden nach katholischem Glauben zum Leib und Blut Christi. Die Kommunion verbindet die Feiernden mit Christus und miteinander. Taufe, Erstkommunion, Firmung, Eheschließung und Beerdigung strukturieren zugleich Familiengeschichten. Auch Menschen, die selten einen Sonntagsgottesdienst besuchen, können diese Übergänge kirchlich begehen. Deshalb lässt sich katholische Zugehörigkeit nicht allein an der Häufigkeit des Kirchenbesuchs ablesen.

Die Verehrung von Heiligen führt häufig aus dem Kirchengebäude hinaus. Ein Stadtviertel feiert seinen Schutzpatron mit Gottesdienst, Prozession, Essen und Musik. Katholisch verstanden ersetzen Heilige Gott nicht; Gläubige bitten sie um Fürsprache. Nossa Senhora, „Unsere Liebe Frau“, bezeichnet Maria, die Mutter Jesu. Ihre unterschiedlichen Titel beziehen sich auf bestimmte Glaubensvorstellungen, Bilder und Orte. Nossa Senhora Aparecida und Nossa Senhora de Nazaré sind somit keine verschiedenen Göttinnen.

Aparecida im Bundesstaat São Paulo wurde um eine Marienfigur zu einem überregionalen Wallfahrtsort. Nach der Überlieferung des Heiligtums fanden drei Fischer die Figur 1717 im Paraíba do Sul; einen anschließenden reichen Fang deuteten sie als Wunder. Aus häuslicher Verehrung entwickelte sich ein Heiligtum, zu dem heute Menschen aus dem ganzen Land reisen. Das historische Geschehen, seine religiöse Deutung und die spätere Institutionalisierung sind dabei verschiedene Ebenen. Für Pilger kann die Reise ein Dank für überstandene Krankheit, die Erfüllung eines Gelübdes oder eine gemeinsam mit Angehörigen getragene Bitte sein. Das Heiligtum erzählt seine eigene Gründungstradition.

In Belém verbindet der Círio de Nazaré Marienverehrung mit der Lebenswelt Amazoniens. Die zentrale Prozession findet seit 1793 statt; weitere Feierformen entstanden im Laufe der Geschichte. Wege auf dem Wasser, Straßenprozessionen, die Beteiligung von Familien und festliche Mahlzeiten verbinden Stadt, Flüsse und regionale Zugehörigkeit. Die Feier wird von kirchlichen Stellen, Vereinigungen, Helfern und Behörden gemeinsam ermöglicht. Dass Menschen sie unterschiedlich deuten, gehört zu ihrer Geschichte: Für manche steht das Gebet im Vordergrund, für andere zusätzlich die Rückkehr zur Familie und die Bindung an Pará. Das IPHAN-Dossier untersucht Entstehung und Wandel des Círio.

Basisgemeinden und Befreiungstheologie

Die katholische Kirche Brasiliens umfasst unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie Glaube und Gesellschaft zusammengehören. Ein wichtiger Wendepunkt war das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965. Die lateinamerikanische Bischofskonferenz von Medellín 1968 bezog dessen Erneuerungsimpulse auf einen Kontinent mit scharfen sozialen Gegensätzen. Armut erschien dabei nicht nur als individuelles Unglück, sondern als Folge veränderbarer gesellschaftlicher Verhältnisse. Die CNBB ordnet Medellín in die Konzilsgeschichte ein.

Die Befreiungstheologie fragte, was das Evangelium unter diesen Bedingungen bedeutet. Ihre „Option für die Armen“ verlangt, deren Erfahrungen zum Ausgangspunkt theologischen Nachdenkens zu machen. Sie verbindet Bibelauslegung mit der Untersuchung von Besitz, Arbeit und politischer Macht. In Brasilien wurde unter anderem Leonardo Boff zu einem bekannten Vertreter. Über die Verbindung von Theologie und Sozialwissenschaft sowie über kirchliche Autorität entstanden erhebliche innerkirchliche Auseinandersetzungen. Die Bewegung war weder eine einheitliche Partei noch die Position sämtlicher Katholiken. Eine soziologische Untersuchung verfolgt den Wandel dieser Option.

Eine Basisgemeinde liest die Bibel im Stadtviertel

In einer Comunidade Eclesial de Base, kurz CEB, treffen sich Menschen aus einem überschaubaren örtlichen Zusammenhang. Sie lesen biblische Texte, beten und besprechen gemeinsame Lebensfragen. Der kirchliche Raum kann dabei auch ein Ort werden, an dem Wohnbedingungen, Arbeit oder die Versorgung im Viertel zur Sprache kommen.

Eine verbreitete Arbeitsweise heißt Ver – Julgar – Agir, auf Deutsch Sehen – Urteilen – Handeln. Zunächst werden Erfahrungen gesammelt: Was geschieht im Ort? Anschließend wird die Situation im Licht des Glaubens und weiterer Kenntnisse besprochen. Daraus sollen gemeinsame Schritte entstehen. Die Bibellektüre erhält so eine Verbindung zu konkreten Aufgaben, etwa Hilfe für bedrängte Familien oder die Organisation einer gemeinschaftlichen Initiative. CNBB zur Arbeitsweise der Basisgemeinden.

Diese Form stärkt die Beteiligung von Laien, also Menschen, die kein geweihtes kirchliches Amt innehaben. Wer die eigene Erfahrung im Gespräch ausdrückt und eine Aufgabe übernimmt, wird zum Mitgestalter des Gemeindelebens. Leitung, Bibelwissen und organisatorisches Können werden über die kleine Gruppe verteilt und durch größere kirchliche Netze unterstützt.

Die Verbindung von Glauben und sozialer Befreiung wurde in der Befreiungstheologie systematisch bearbeitet. Sie fragte danach, wie christliche Verkündigung Menschen erreicht, deren Leben von Armut und Abhängigkeit bestimmt ist. In Brasilien gewann diese Frage unter der Militärdiktatur zusätzliches Gewicht. Katholische Gemeinden, Bischöfe und Orden entwickelten dabei unterschiedliche Positionen; die Kirche umfasste soziale Bewegungen ebenso wie konservative und charismatische Milieus.

Was „evangélico“ in Brasilien umfasst

Evangélico ist in Brasilien eine breite Sammelbezeichnung. Sie umfasst Kirchen aus der europäischen Reformation, aus späteren Missionsbewegungen und aus pfingstlichen Erweckungen. Eine statistische Angabe über „die Evangelischen“ sagt deshalb noch wenig darüber, wie eine konkrete Gemeinde ihren Gottesdienst feiert oder entscheidet.

Lutherische Kirchen verstehen die Rechtfertigung aus Gottes Gnade durch den Glauben als zentral. Predigt, Taufe und Abendmahl prägen den Gottesdienst. Ihre brasilianische Geschichte ist stark mit Einwanderung verbunden. Presbyterianische Kirchen stehen in der reformierten Tradition; sie betonen unter anderem Gottes Souveränität und eine Leitung durch Älteste und kirchliche Versammlungen. Die Igreja Presbiteriana do Brasil führt ihre Geschichte auf die Ankunft des US-Missionars Ashbel Green Simonton 1859 zurück. Portugiesischsprachige Verkündigung, Ausbildung und eigene Veröffentlichungen wurden wichtig für ihren Aufbau. IPB zur eigenen Geschichte.

Baptistische Gemeinden heben die persönliche Glaubensentscheidung und die Taufe von Menschen hervor, die ihren Glauben selbst bekennen. Die örtliche Gemeinde besitzt traditionell große Eigenständigkeit. Methodistische Kirchen gehen auf die von John Wesley geprägte Erneuerungsbewegung zurück; persönliche Heiligung, gemeinschaftliche Disziplin und soziale Verantwortung gehören zu ihrer Geschichte. In beiden Fällen entwickelten brasilianische Gemeinden eigene Leitungs- und Ausbildungsstrukturen. Der Ökumenische Rat der Kirchen gibt einen Überblick über die brasilianische Kirchenlandschaft.

Solche Unterschiede wirken sich praktisch aus. Wer entscheidet über eine neue Pfarrperson? Wird ein Säugling getauft? Welche Bedeutung hat das Abendmahl? Wer darf ein kirchliches Amt ausüben? Eine Antwort lässt sich nur für die jeweilige Kirche geben. Zudem bestehen innerhalb derselben Tradition unterschiedliche Positionen zu Geschlecht, Politik, Ökumene und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Zugehörigkeit zum Sammelbegriff evangélico ersetzt diese konkrete Betrachtung nicht.

Lutherische Kirchen: Einwanderung, Bildung und Diakonie

Mit deutschsprachiger Einwanderung entstanden ab 1824 lutherische Gemeinden. Familien organisierten Gottesdienste, Schulen und gegenseitige Unterstützung. Die deutsche Sprache verband viele dieser frühen Gemeinden; später wurde die Entwicklung zu einer portugiesischsprachigen brasilianischen Kirche zu einer wichtigen Aufgabe.

Aus mehreren regionalen Synoden bildete sich 1949 eine Föderation. 1968 entstand die heutige Igreja Evangélica de Confissão Luterana no Brasil, IECLB, als nationale Kirche. Ihre historische Verwurzelung ist besonders im Süden und in Espírito Santo sichtbar. Theologische Ausbildung, diakonische Arbeit und ökumenische Beziehungen gehören zu ihrem Profil.

Die Igreja Evangélica Luterana do Brasil, IELB, besitzt eine andere institutionelle Geschichte. Missionare aus dem Umfeld der US-amerikanischen Missouri-Synode kamen 1900 nach Brasilien; 1904 wurde die entsprechende brasilianische Kirchenstruktur gegründet. Die IELB betont lutherisches Bekenntnis und verfügt über eigene Ausbildungs- und Missionsstrukturen.

Meine Zeit in São Bento do Sul 2024 führte mich persönlich in ein Umfeld, in dem lutherische Bildung und brasilianischer Alltag aufeinandertrafen. Diese Verbindung ist ein Teil meines Interesses an Kirche zwischen Sprachen und Kulturen. IECLB zur Geschichte, Historisches Institut der IELB.

Taufe und Abendmahl: Was „Gnade“ praktisch bedeutet

Im lutherischen Verständnis muss ein Mensch sich Gottes Annahme nicht durch religiöse Leistung verdienen. Rechtfertigung aus Gnade bedeutet, dass die Beziehung zu Gott auf dessen Zuwendung beruht. Gute Werke bleiben wichtig, gelten aber als Antwort auf diese Zuwendung. Darum richtet sich christliche Verantwortung nach diesem Verständnis auch auf Nachbarn und Menschen außerhalb der eigenen Kirche.

Die Taufe ist entsprechend mehr als ein öffentliches Bekenntnis einer bereits getroffenen Entscheidung. Sie gilt als Handeln Gottes am Menschen; deshalb werden auch Kinder getauft. Eltern, Paten und Gemeinde übernehmen Verantwortung für die Begleitung im Glauben. Die IECLB erläutert diese Verbindung von Gabe und lebenslangem Lernen; auch die IELB begründet ausdrücklich die Kindertaufe. Das unterscheidet diese Kirchen von baptistischen Gemeinden, die das persönliche Glaubensbekenntnis der Täuflinge voraussetzen.

Beim Abendmahl, portugiesisch Santa Ceia, werden Brot und Wein mit der Zusage von Vergebung und Gemeinschaft verbunden. In lutherischer Lehre ist Christus darin gegenwärtig; die Feier ist mehr als eine bloße Erinnerung an ein vergangenes Mahl. Liturgie, Predigt, gemeinsamer Gesang und Sakramente geben dem Gottesdienst seine Gestalt. Die IECLB beschreibt diese Bedeutung der Ceia do Senhor. Wie die Feier örtlich aussieht, hängt zugleich von Gemeindegröße, musikalischer Tradition und den beteiligten Generationen ab.

Lutherische Diakonie: Glaube wird zum gemeinsamen Dienst

Die IECLB versteht ihre Mission in den Dimensionen Evangelisation, Gemeinschaft, Diakonie und Liturgie. Gottesdienst und praktische Unterstützung werden als zusammengehörige Aufgaben beschrieben. Aus den örtlichen Einwanderergemeinden entwickelten sich über Generationen kirchliche Institutionen, Ausbildung und Netze sozialer Arbeit. IECLB: Selbstverständnis und Geschichte.

Für mich als Theologiestudent ist daran besonders interessant, wie eine Gemeinde Verantwortung verteilt. Eine diakonische Aufgabe kann aus einer konkreten Begegnung entstehen und später Schulung, Finanzierung und verbindliche Zusammenarbeit brauchen. Der Dienst wird tragfähig, wenn auch die unterstützten Menschen ihre Wünsche ausdrücken und Entscheidungen mitgestalten. Diese persönliche Frage begleitet meinen Blick auf die unterschiedlichen kirchlichen Formen Brasiliens.

Pfingstkirchen: Geist, Gebet und eigenständige Gemeinden

Pfingstliche Kirchen verstehen die Wirkung des Heiligen Geistes als gegenwärtige Erfahrung. Die biblische Pfingstgeschichte und die in Paulusbriefen beschriebenen Charismen, geistlichen Gaben, bilden wichtige Bezugspunkte. Je nach Kirche gehören Zungenrede, prophetisches Reden und Heilungsgebet dazu. Eine „Taufe im Heiligen Geist“ wird häufig als besondere Befähigung für Glaubensleben und Verkündigung verstanden. Der Ökumenische Rat der Kirchen erläutert die pfingstliche Kirchenfamilie.

Im Gottesdienst sind persönliche Zeugnisse bedeutsam: Menschen erzählen etwa von einer Krise, einer Veränderung im Familienleben oder einer als göttliche Hilfe verstandenen Erfahrung. Musik, Gebet und Predigt schaffen einen Rahmen, in dem diese Erzählungen gemeinsam gedeutet werden. Gemeindemitglieder können Verantwortung als Musiker, Gruppenleiterin oder Prediger übernehmen. Eine religiöse Rolle vermittelt Anerkennung und Aufgaben im eigenen Umfeld.

Zur brasilianischen Pfingstgeschichte gehören ältere Kirchen wie die Assembleias de Deus ebenso wie später entstandene Bewegungen. Der Plural „Assembleias“ ist wichtig: Es handelt sich nicht um eine einzige, überall gleich geleitete Ortskirche. Gemeindeverbände und Leitungsnetzwerke besitzen eigene Entwicklungen. Der Begriff neopentekostal wird in Forschung und Öffentlichkeit für bestimmte jüngere Formen verwendet, häufig mit starker Medienpräsenz, geistlichem Kampf und Lehren über materiellen Erfolg. Er ist eine analytische Einordnung, kein einheitliches Selbstbekenntnis aller so bezeichneten Gemeinden.

Bei Wohlstandstheologie können Spenden, Glaube und erwarteter wirtschaftlicher Erfolg eng verbunden werden. Daraus entstehen konkrete Fragen nach Geld, Autorität und Verantwortlichkeit. Eine Gemeinde mit Heilungsgebet vertritt jedoch nicht automatisch eine identische Lehre über Spenden oder Reichtum. Für die Beschreibung müssen Predigt, Organisation und Praxis der jeweiligen Gemeinschaft betrachtet werden.

Als blinder Theologiestudent frage ich außerdem, was eine Gemeinde unter einem erfüllten Leben versteht. Wird ein Mensch mit Behinderung als gegenwärtiger Mitgestalter anerkannt? Oder wird seine Rolle darauf verengt, auf Heilung zu warten? Diese Frage betrifft kirchliche Sprache und Beteiligung unmittelbar. Sie ist meine Perspektive auf die beschriebenen Glaubensformen.

Candomblé: Überlieferung, Initiation und Gemeinschaft

Candomblé entstand in Brasilien durch die Neuorganisation afrikanischer religiöser Überlieferungen unter Bedingungen von Versklavung und Diaspora. Menschen mussten Beziehungen und rituelle Praxis in einer Umgebung aufbauen, die ihre Freiheit begrenzte. Die Bezeichnung umfasst verschiedene Nações. Damit sind historische Überlieferungs- und Gemeinschaftszusammenhänge gemeint, keine Nationalstaaten im heutigen Sinn.

In Ketu-Traditionen spielen Orixás und Yoruba-bezogene liturgische Überlieferungen eine zentrale Rolle; Jeje-Traditionen sind mit Voduns und westafrikanischen Gbe-Sprachräumen verbunden; Angola-Traditionen mit Inquices und bantusprachigen Zusammenhängen. Über lange Zeit gab es Austausch zwischen Häusern und Traditionen. Die Begriffe beschreiben deshalb keine vollkommen getrennten oder seit Afrika unveränderten Systeme. Reginaldo Prandi untersucht diese Entwicklungen und religiösen Zeitvorstellungen.

Orixás sind in den entsprechenden Glaubenswelten mit Naturkräften, Tätigkeiten, Orten und überlieferten Geschichten verbunden. Oxum steht beispielsweise in Beziehungen zu Süßwasser und Fruchtbarkeit, Ogum zu Eisen und bestimmten Formen von Arbeit und Kampf. Solche Kurzzuordnungen sind nur erste Orientierung: Die Beziehungen werden in Erzählungen, unterschiedlichen Erscheinungsformen und der Praxis eines konkreten Hauses genauer bestimmt. Eine Gottheit lässt sich nicht auf ein einzelnes Stichwort oder ein psychologisches Persönlichkeitsprofil reduzieren. Prandi zu Orixás im Ketu-Candomblé.

Der Terreiro ist der örtliche Zusammenhang religiösen Lebens. Er umfasst Räume, Gegenstände, Pflanzen, Menschen und abgestufte Verantwortlichkeiten. Feste benötigen Vorbereitung: Speisen werden hergestellt, Instrumente und Kleidung bereitgestellt, Abläufe eingeübt. Ein Teil der Veranstaltungen ist öffentlich, anderes Wissen wird innerhalb bestimmter Initiations- und Verantwortungsbeziehungen weitergegeben. Das Internet bildet deshalb nicht den gesamten religiösen Wissensbestand ab.

Durch Initiation entstehen Beziehungen einer Família de santo, einer religiösen Familie. Sie können mit familiären Beziehungen verschränkt sein. Die ethnografische Forschung Clara Flaksmans zum Gantois in Salvador untersucht gerade diese Überschneidungen. Flaksman: Verwandtschaft „de sangue“ und „de santo“. Verantwortung wächst hier durch Beziehungen, Teilnahme und Erfahrung; Religion ist damit auch eine langfristige Form gemeinschaftlichen Lebens.

Die Geschichte staatlicher Verfolgung lässt sich an Gegenständen nachvollziehen. Die Sammlung „Nosso Sagrado“ umfasst 519 religiöse Objekte, die die Polizei in Rio zwischen 1890 und 1946 in Candomblé- und Umbanda-Gemeinschaften beschlagnahmte. Was für Gläubige Teil heiliger Praxis war, wurde staatlich als Beweismaterial behandelt. Die spätere museale Bewahrung und Zusammenarbeit mit religiösen Gemeinschaften verändern diesen Umgang. Brasilianische Bundesregierung zur Sammlung Nosso Sagrado.

Umbanda und weitere afrobrasilianische Religionen

Umbanda entwickelte sich in Brasilien im 20. Jahrhundert in verschiedenen örtlichen Ausprägungen. Afrikanisch geprägte religiöse Überlieferungen, Spiritismus, katholische Bezüge und Vorstellungen indigener Präsenz wurden auf unterschiedliche Weise verbunden. Es gibt keine Instanz, die für alle Umbanda-Häuser eine einheitliche Liturgie festlegt.

In vielen Gemeinschaften heißen Zusammenkünfte Giras. Medien wirken als Vermittler spiritueller Wesen; Gesang, Gebet, Beratung und je nach Haus Instrumentalmusik gehören zum Ablauf. Caboclos und Pretos-Velhos sind wichtige Kategorien spiritueller Gestalten. Sie verweisen in der religiösen Vorstellungswelt auf indigene Stärke beziehungsweise auf ältere Schwarze Menschen und deren Weisheit. Diese religiösen Gestalten sind von der ethnografischen Beschreibung heutiger indigener Gesellschaften oder der tatsächlichen Biografie eines versklavten Menschen zu unterscheiden.

Ratsuchende bringen Fragen aus ihrem Alltag mit: Beziehungen, Arbeit, Trauer oder Entscheidungen. Die religiöse Deutung geschieht in einem Haus mit eigener Geschichte, Leitung und Arbeitsweise. Auch die Verwendung von Trommeln, Kleidung, Bildern und Speisen unterscheidet sich. Candomblé und Umbanda besitzen Kontakte, aber unterschiedliche Schwerpunkte in Gottesvorstellungen, spiritueller Vermittlung und gemeinschaftlicher Organisation. Das Museu Paraense Emílio Goeldi erschließt afrikanisch geprägte Kultur- und Religionswelten.

Batuque in Rio Grande do Sul und Tambor de Mina in Maranhão haben wiederum eigene historische Netzwerke und rituelle Ordnungen. Ihre regionalen Namen sind ein Hinweis darauf, dass afrikanisch geprägtes religiöses Leben nicht nur in Bahia oder Rio existiert. Eine sachliche Darstellung muss jeweils das konkrete Haus und seine Überlieferung beachten.

Die langjährige polizeiliche Verfolgung solcher Gemeinschaften beeinflusste Sichtbarkeit und Weitergabe. Religiöse Gegenstände wurden beschlagnahmt, Zusammenkünfte kriminalisiert und Menschen rassistisch abgewertet. Heutiger Schutz betrifft deshalb Räume, Eigentum, körperliche Unversehrtheit und das Recht, Glauben öffentlich auszuüben. Die Bundesregierung beschreibt diesen Wandel am Beispiel der Sammlung Nosso Sagrado.

Spiritismus, weitere Religionen und Menschen ohne Religionszugehörigkeit

Der in Brasilien verbreitete kardecistische Spiritismus bezieht sich auf die im 19. Jahrhundert von Allan Kardec systematisierten Lehren. Dazu gehören der Glaube an das Fortleben des Geistes, Reinkarnation, geistige Entwicklung und mögliche Kommunikation durch Medien. Jesus gilt in dieser Tradition als moralischer Bezugspunkt. Die Federação Espírita Brasileira veröffentlicht grundlegende Texte und organisiert Bildungsarbeit. FEB-Ausgabe von Kardecs Einführung „O que é o Espiritismo“.

Spiritistische Zentren können Lektüregruppen, Vorträge, soziale Unterstützung und mediumnische Arbeit verbinden. Caridade, tätige Nächstenliebe, besitzt im Selbstverständnis einen wichtigen Stellenwert. Trotz einzelner ähnlicher Begriffe ist kardecistischer Spiritismus nicht mit Umbanda identisch. Die jeweiligen Traditionen ordnen Medienpraxis, religiöse Gestalten und öffentliche Rituale unterschiedlich ein. Die União Espírita Paraense erläutert das eigene Glaubensverständnis.

Jüdische, muslimische und buddhistische Gemeinschaften gehören ebenfalls zu Brasilien. Ihre Geschichte verbindet verschiedene Einwanderungsphasen mit der religiösen Entscheidung späterer Generationen und mit Konversion. Eine Synagoge, Moschee oder buddhistische Gemeinschaft ist zugleich ein Ort des Lernens und der Organisation gemeinsamer Zeit. Familienfeste, Speisevorschriften oder Gebetszeiten können den Alltag prägen, auch wenn sie in der Mehrheitsgesellschaft wenig sichtbar sind.

Sem religião, „ohne Religion“, bezeichnet in einer Volkszählung keine einheitliche Weltanschauung. Darunter können atheistische und agnostische Menschen ebenso fallen wie Personen mit persönlichen spirituellen Überzeugungen, die sich keiner Religion zuordnen. Mitgliedschaft, Glaubensvorstellung und Teilnahme an familiären Ritualen sind unterschiedliche Fragen. Ein Religionsporträt muss diese Unterschiede berücksichtigen, um aus einer statistischen Kategorie keine erfundene Gemeinschaft zu machen.

Indigene religiöse Traditionen und die Beziehung zum Land

Bei den Yanomami schildern Schamanen Beziehungen zu xapiri, Geistwesen, die mit den Ursprüngen der Welt und den Bildern der Vorfahren verbunden sind. Ein angehender Schamane lernt unter Anleitung erfahrener Personen, ihre Gesänge zu erkennen und mit ihnen zu handeln. Diese Ausbildung begründet eine Verantwortung für andere: Heilung, Schutz und die Erhaltung einer bewohnbaren Welt gehören in dieser religiösen Auffassung zusammen. Davi Kopenawa hat solche Zusammenhänge zusammen mit dem Ethnologen Bruce Albert im Buch Der Sturz des Himmels einem internationalen Publikum erläutert.

Ein Wald ist aus dieser Perspektive kein bloßer Rohstoffbestand. Die Wesen, mit denen ein Schamane in Beziehung steht, und die Lebensmöglichkeiten seiner Gemeinschaft sind mit ihm verbunden. Wenn Goldbergbau Flüsse und Wald zerstört, betrifft dies zugleich Ernährung, Gesundheit, soziale Beziehungen und die religiöse Ordnung. Die ISA-Darstellung zu den Yanomami erklärt diese Zusammenhänge aus ethnografischer Forschung und Aussagen indigener Gesprächspartner.

Am oberen Rio Negro sieht die religiöse Geschichte anders aus. In Baniwa-Gemeinschaften begegnen eigene Überlieferungen unterschiedlichen christlichen Missionen. Einige Familien und Gemeinden haben evangelische Glaubensformen angenommen, andere sind katholisch oder pflegen andere religiöse Verbindungen. Solche Entscheidungen können beeinflussen, welche Feste stattfinden, wie rituelles Wissen weitergegeben wird und wer als religiöse Autorität gilt. Angehörige eines Volkes müssen deshalb keineswegs dieselbe Religion haben. Das Porträt der Baniwa bei ISA behandelt diese unterschiedlichen historischen Entwicklungen.

Für das Verständnis indigener Religionen sind konkrete Fragen hilfreicher als das Wort „Naturreligion“: Wer darf ein bestimmtes Lied lernen? Wer verfügt über Kenntnisse zur Heilung? Welche Orte gehören zur Herkunftsgeschichte einer Familie? Wie werden Kinder unterrichtet, und welche Folgen hat eine Missionierung für diese Weitergabe? Die Antworten fallen bei Yanomami, Baniwa, Guarani oder Pataxó verschieden aus. Die Einführung zu indigenen Völkern Brasiliens führt in diese gesellschaftliche Vielfalt ein.

Religiöse Freiheit, Rassismus und politische Macht

Religiöse Freiheit zeigt sich im Alltag daran, ob Menschen eine Kette, Kopfbedeckung oder religiöse Kleidung tragen können, ohne bedroht zu werden; ob ein Terreiro seine Feste feiern darf; und ob Menschen eine Glaubensgemeinschaft verlassen können, ohne ihre bürgerlichen Rechte einzubüßen. Bei Angriffen auf afrobrasilianische Religionen verbindet sich die Abwertung religiöser Praxis häufig mit Rassismus. Der Ausdruck religiöser Rassismus benennt diese Verbindung: Angegriffen werden auch afrikanische Herkunft, Schwarze Autorität und eine durch Versklavung und Widerstand geprägte Geschichte.

Die staatliche Menschenrechtsarbeit unterscheidet deshalb religiöse Intoleranz und religiösen Rassismus und schult die Mitarbeitenden des Beschwerdekanals Disque 100 dazu. Solche Meldungen dokumentieren berichtete Verletzungen; sie sind keine vollständige Zählung aller Vorfälle. Veränderungen der Meldestatistik können sowohl mit Gewalt als auch mit Bekanntheit und Zugänglichkeit des Meldewegs zusammenhängen. Das Menschenrechtsministerium beschreibt die entsprechende Schulung von August 2026.

Politisch wichtig sind Kirchen, weil sie Menschen regelmäßig zusammenbringen, öffentlich sprechen und Vertrauen vermitteln können. Doch die Zustimmung zu einer Glaubenslehre legt nicht automatisch eine Wahlentscheidung fest. Einkommen, Region, Hautfarbe, Geschlecht, Familiengeschichte und persönliche Erfahrungen beeinflussen politische Urteile ebenfalls. Eine Kirchenleitung, ein religiöser Fernsehsender und ein einzelnes Gemeindemitglied sprechen daher nicht mit derselben Autorität für dieselbe Gruppe. Wer pauschal „die Evangelischen“ oder „die Katholiken“ zu einem politischen Lager erklärt, übersieht diese Unterschiede.

Auch die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung bleibt innerhalb der Religionsgemeinschaften offen: Geht es vor allem um individuelle Lebensführung, um Hilfe in einer akuten Notlage oder um die Veränderung von Strukturen, die Not hervorbringen? Viele Gemeinden verbinden diese Ebenen, andere setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Gerade deshalb lohnt es sich, Glaubensvorstellungen, konkrete Gemeindearbeit und politische Stellungnahmen jeweils zusammen zu lesen.

Quellen und weitere Texte

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